Stadt: Prognosen zur qualitativen Entwicklung

Stadt: Prognosen zur qualitativen Entwicklung
Stadt: Prognosen zur qualitativen Entwicklung
 
Es gibt zweierlei Prognosen über die zukünftige Entwicklung von Städten: quantitative Szenarien, wie dem Anstieg der Zahl der Megastädte und dem Bevölkerungswachstum innerhalb einer Stadt, sowie Szenarien, welche die qualitativen Veränderungen zu fassen suchen. Voraussagen der ersten Kategorie bedürfen kaum prophetischer Gaben: Langfristige Trends wie Bevölkerungswachstum und Landflucht lassen die Metropolen in Entwicklungsländern nahezu unausweichlich wachsen. Qualitative Prognosen hingegen stehen auf deutlich wackligeren Füßen. Keine noch so umfassende Datenbasis gibt Aufschluss darüber, ob Stadtverwaltungen ihre Umwelt-, Kriminalitäts- und Verkehrsprobleme in den Griff bekommen oder ob eine Stadt im Dreck, in der Gewalt und im Verkehrschaos versinkt. Dennoch lassen sich Muster der zukünftigen Entwicklung erkennen — Muster, die für die Städte der Zukunft ein ausgesprochen heterogenes Bild vorgeben.
 
 Nackte Zahlen und urbane Orakel
 
Rein statistisch gesehen ist die Zukunft der Städte — und vor allem der Megastädte — grandios: Gab es 1950 nur 13 Ballungsräume mit mehr als vier Millionen Einwohnern, so sollen es bis zum Jahr 2025 weltweit bereits 140 sein. In Afrika lebten 1950 drei Millionen Menschen in Millionenstädten, im Jahr 2015 sollen es nach Hochrechnungen von UN-Fachleuten 225 Millionen sein. Dann werden sich allein in Asien mehr als 900 Millionen Menschen in Millionenstädten drängen — fünfzehnmal mehr als 1950, fast dreimal mehr als 1990. Das hieße: Bis 2015 schwellen Asiens Millionenstädte jährlich um rund 22 Millionen Neubürger an. Im Jahr 2020 sollen 60 Prozent der dann rund 7,7 Milliarden Menschen in Städten hausen, voraussichtlich gut zwei Milliarden davon in Metropolen mit mehr als einer Million Einwohner. Im Jahr 2050 würden drei Viertel der dann 9,4 Milliarden Menschen in Städten mit teils mehr als 50 Millionen Bürgern leben — wenn, wie in den UN-Hochrechnungen angenommen, die gegenwärtigen Trends bis dahin noch Gültigkeit haben sollten.
 
Die Frage nach der Zukunft der Städte ist ganz offensichtlich mit der Frage nach der Zukunft der Menschheit identisch. Die Antwort darauf wird ein Großteil der heute Lebenden noch erfahren, erreicht doch ein 1999 geborener Knabe im Jahr 2050 gerade sein »bestes Mannesalter«. Zudem ist dieses Datum uns zeitlich bereits näher als das Ende des Zweiten Weltkriegs.
 
Die nackten Zahlen der Prognosen werden für die nächsten 25 Jahre voraussichtlich mit großer Wahrscheinlichkeit zutreffen. Ein Blick über denselben Zeitraum zurück ins Jahr 1975 lässt keinen anderen Schluss zu: Die Quantität des urbanen Wachstums ist real und ungebrochen. Die Hochrechnungen verraten jedoch nichts über die Qualität der Entwicklung. Zu viele politische, wirtschaftliche und technische Ereignisse, aber auch Naturkatastrophen können die Geschichte einzelner Städte, ja der urbanen Zentren ganzer Regionen radikal verändern. Zur Erinnerung: Wer hatte 1975 schon den Zusammenbruch der Sowjetunion vorausgesehen? Wer den Siegeszug des Personalcomputers oder des Internets? Wer die Rückkehr der Tuberkulose und Malaria? Oder dass ein Land wie Indien Weizen exportieren kann?
 
Qualitative Prognosen können zwangsläufig nicht viel mehr sein als ein Orakel:
 
(1) Gelingt es einer entschlossenen Stadtverwaltung mit Unterstützung ihrer Bürger, den vermeintlich unumkehrbaren Trend zu mehr Kriminalität, mehr Drogen und innerstädtischem Verfall umzukehren — wie dies etwa im New York der späten 1990er-Jahre geschah?
 
(2) Gelingt es einer Millionenstadt in einem tropischen Land, ihre massiven Umweltprobleme in den Griff zu bekommen — wie dies, entgegen aller Erwartungen, das südbrasilianische Curitiba mit seinem vorbildlichen öffentlichen Nahverkehr demonstriert?
 
(3) Machen unvorhergesehene epochale Umbrüche aus einer diktatorisch organisierten Metropole innerhalb kurzer Zeit einen von Bestechung und Verbrechen durchseuchten urbanen Dschungel — wie dies in Moskau oder Sankt Petersburg nach dem Zerfall der Sowjetunion geschah?
 
(4) Zerstören Korruption und Bürgerkriege immer wieder das bisschen städtische Infrastruktur und urbanen Wohlstand, das in kurzen Friedenszeiten erarbeitet werden konnte — wie geschehen in Kinshasa, der Hauptstadt der Republik Kongo?
 
Fragen wie diese kann kein Supercomputer der Welt beantworten. Qualitative Prognosen über die Zukunft der Städte verlangen also keine schlichten Gleichungen wie »mehr Einwohner = mehr Kriminalität« oder »mehr Stadt = mehr Umweltverschmutzung«, sondern eine differenzierte Betrachtung.
 
 Großes Angebot auf dem Marktplatz der Prognosen
 
Die optimistische oder pessimistische Grundstimmung eines Prognostikers beeinflusst das Resultat seiner Vorhersage umso stärker, je weiter diese in die Zukunft reicht. Pessimistisch geben sich angesichts der ungeheuren Eigendynamik vor allem der Drittweltmetropolen die Umweltschützer und die traditionellen Stadtplaner. Solche Skepsis ist zukunftsfrohen Cyberspace- und Virtual-City-Propheten noch völlig fremd — sie sind schlicht noch nicht lang genug dabei, als dass ihre Szenarien schon einmal so richtig an der Wirklichkeit zerschellen konnten. Langfristig optimistisch geben sich jedoch auch, weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, internationale Immobilienmakler, Baulöwen und Industrielle: Sie sehen im explosiven Wachstum der Städte vor allem gewaltige Geschäfte auf sich zukommen.
 
Die Metamorphose der Metropolen ist voll im Gang. Sie verläuft, je nach lokalen Umständen, sehr unterschiedlich. Am stabilsten erscheint die Zukunft der reichen, historisch gewachsenen Metropolen wie London, Paris, New York und Tokio. Sie dominieren globale Schlüsselfunktionen — Moneten, Medien und Moden. Bedrängt werden sie am ehesten von neureichen, dynamischen und »polyzentrischen« Ballungsräumen wie Los Angeles oder Sao Paulo. Diese sind bereits vollständig vom ersten großen technischen Stadtveränderer des 20. Jahrhunderts — vom Auto — geformt worden. Und sie strampeln nun, um neben ihren Stadtautobahnen auch die »Infobahnen« auszubauen: Der Aufstieg zur Weltstadt könne, wie die Cyber-Propheten vor allem aus Los Angeles verkünden, künftig nur der »City of Bits«, der voll computerisierten, vernetzten Metropole gelingen.
 
Der Techniktrend ist keineswegs nur auf die Industrienationen begrenzt. Ähnliche Arbeits- und Wohnverhältnisse, Verkehrs- und Kommunikationstechniken bestimmen das Leben der wachsenden Mittelschicht auch in den Städten der Dritten Welt. So lassen sich alle (ökonomischen) Entwicklungsstufen in Metropolen wie Mumbai oder Mexico-City nebeneinander beobachten: vollklimatisierte Wolkenkratzer und kanalisationsfreie Slums, Geschäftsfrauen mit Handy und bettelnde Straßenkinder, Softwareingenieure und Rikschafahrer.
 
In den Metropolen vermischen sich globale, nationale und lokale Einflüsse rascher als auf dem »flachen Land«. So entwickeln sich die Megastädte zu Ortsteilen des globalen Dorfs. Sie bieten außer popkultureller Einfalt à la MTV auch eine überraschende Vielfalt — japanische Restaurants in Sao Paulo und brasilianische in New York, indische Plattenläden in London, französische Weindepots in Tokio und amerikanische Imbissketten überall.
 
Doch nicht nur im Austausch materieller Güter wächst die Dynamik. Noch rasanter entwickelt sich ein zusehends freierer Fluss von Ideen, auch solchen zur Lösung drängender sozialer, ökonomischer und ökologischer Probleme. Das Beispiel des südindischen Softwarezentrums Bangalore zeigt, wie schnell sich eine Millionenstadt in einem der ärmsten Länder der Welt dank globaler Vernetzung, gut ausgebildeter Arbeitskräfte und niedriger Löhne ein ordentliches Stück vom Wirtschaftskuchen abschneiden kann.
 
Wie sich diese Globalisierung im Detail auswirken wird, ist offen. Sicher scheint, dass sie den Trend zur Metropole weiter stärken wird. Denn allen Telekommunikationstechniken zum Trotz bietet sie eine entscheidende infrastrukturelle Eigenschaft: räumliche Nähe, um bei Bedarf auch rasch persönlich ins Gespräch zu kommen.
 
 Eine verfehlte Politik vernachlässigt die ländlichen Regionen
 
In den Schwellenländern üben die Megastädte einen eher noch größeren Einfluss auf ihr Heimatland aus, als dies bei den Metropolen der Industrieländer der Fall ist. Seoul hat in Südkorea und Istanbul in der Türkei ein höheres Gewicht als New York in den USA oder Berlin in Deutschland. Ihre wirtschaftliche, politische und kulturelle Macht erzeugt bis in die letzten Winkel der ökonomisch teils weit zurückgebliebenen ländlichen Räume einen unwiderstehlichen Sog. Haben tatkräftige Zuwanderer in den Metropolen erst Fuß gefasst, ziehen weitere Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde nach: Die Landflucht kommt ins Rollen. Sie kann die Infrastruktur der Städte völlig überlasten. Schließlich steigen die Kosten für die Entwicklung und Instandhaltung der öffentlichen Infrastruktur überproportional zur Einwohnerzahl. Die Folgen sind vor allem an den Rändern der Ballungsräume sichtbar: über Nacht errichtete Hüttensiedlungen. Deren türkischer Name »Geçekondu« — »über Nacht gebaut« — steht für jene Armenviertel, in denen etwa die Hälfte der geschätzten acht Millionen Einwohner Istanbuls lebt.
 
Am größten ist die Anziehungskraft der Metropolen in afrikanischen und asiatischen Entwicklungsländern. Hier leben immer noch fast zwei Drittel der rasch wachsenden Bevölkerung auf dem Land. Und hier ist das wirtschaftliche und politische Gefälle zwischen den Städten und den bäuerlichen Regionen am größten — nicht zuletzt wegen einer verfehlten Politik, die noch immer den ländlichen Raum zugunsten der Metropolen vernachlässigt. Kein Wunder, dass hier die Landflucht nun mit Macht eingesetzt hat. Kommt ein relativ hohes Wirtschaftswachstum hinzu, wie in etlichen süd- und ostasiatischen Ländern, oder fließen — wie in Nigeria — Milliarden aus Ölexporten ins Land, platzen Städte wie Dhaka und Lagos, Jakarta, Karatschi und Mumbai aus allen Nähten. Hier läuft nun im Zeitraffertempo ab, was westliche Metropolen im Lauf von anderthalb Jahrhunderten kaum verkraftet haben: Industrialisierung, Landflucht, Globalisierung.
 
Allerdings entwickelt sich eine Stadt nie in all ihren Vierteln gleichmäßig. Selbst im superreichen Großraum Los Angeles repräsentieren heute ganze Stadtregionen eher das wirtschaftliche Niveau von Schwellenländern, gemessen an der Sozial- und Einkommensstruktur ihrer Einwohner. Umgekehrt zählen die rasch wachsenden Mittel- und Oberschichten in Mumbai oder Sao Paulo mehr zur Ersten als zur Dritten Welt. Auch die Riesenstädte Chinas — allen voran Schanghai sowie die »Goldküste« mit Guangzhou (früher Kanton) und Shenzhen vor den Toren Hongkongs — bewegen sich eher in Richtung Erste als Dritte Welt. Extrem gefährdet erscheint hingegen die Zukunft der Städte in Schwarzafrika. Aber selbst ein vermeintlich unregierbares Stadtmonster wie Lagos kann ein beachtliches Beharrungsvermögen und eine verblüffende Eigendynamik entwickeln. Denn die meisten seiner Bewohner haben das, was Megastädter auszeichnet: Den Zugang zu überlebenswichtiger Information samt dem Know-how und dem Willen, diese zum eigenen Fortkommen einzusetzen.
 
Szenarien über die Zukünfte der Städte müssen mithin so bunt wie ein Wiesenstrauß ausfallen. Aus den Prognosen und Visionen lassen sich einige Typen von Ballungsräumen destillieren, deren Erscheinungsbild sich — wie in der Gegenwart — vielfach überlappen kann.
 
 Szenarien zwischen Apokalypsia und World City
 
Die Metropole des zukünftigen Pessimistenreichs heißt Apokalypsia. Hier herrscht im 21. Jahrhundert die drangvolle Enge der Slums von Kalkutta, gepaart mit der endemischen Kriminalität von Sao Paulo. Die technische Infrastruktur der Stadt ist zusammengebrochen, der motorisierte Verkehr lärmt und stinkt, aber fließt kaum noch. Luft und Wasser sind hoffnungslos verdreckt. Hitzewellen, Wirbelstürme und Überschwemmungen als Folge des sich immer stärker auswirkenden Treibhauseffekts fordern Jahr für Jahr mehr Opfer unter den Einwohnern der Stadt. In immer rascherer Folge auftretende Seuchen erdulden die Bewohner Apokalypsias nicht etwa in fatalistischer Apathie wie die Menschen von Morbidopolis, sondern sie reagieren aggressiv mit Aufruhr und sinnloser Gewalt. Grassierende Arbeitslosigkeit, himmelschreiende Unterschiede zwischen Arm und Reich, ungezügelte Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen haben Mord und Totschlag alltäglich werden lassen.
 
Boosterville ist die stetig aufwärts strebende Metropole der United States of Capitalia. Hier verwirklichen die Macher ihre »Superprojekte«. »Neue Bauplätze für neue Zeiten«, lautet einer der Slogans der Booster (englisch für Antreiber, Reklamemacher), die sich schon im 20. Jahrhundert in Vereinigungen wie der »World Development Federation« (WDF) zusammengeschlossen haben. In diesen Zirkeln fürchtet niemand die Grenzen des Wachstums. Im Gegenteil: »Dieses unkontrollierte Bevölkerungswachstum«, so argumentierte der amerikanische WDF-Gründer McKinley Conway 1997 auf einer Tagung in Eurodisneyland bei Paris, »wird einen fantastischen Bedarf an Nahrung und Kleidung, Wohnungen und essentiellen Versorgungsleistungen erzeugen.« Und da zugleich überall die Ansprüche in die Höhe wachsen, »müssen wir intelligent und kreativ für mehr und größere Städte planen«.
 
In Boosterville werden keine virtuellen Gespinste in den Raum gestellt wie in Cyber City, hier entstehen konkret neue Flugplätze und Stadtzentren. »Neue globale Projekte«, freute sich Conway, »schießen überall auf der Welt aus dem Boden. Wir haben mehr als 1500 Projekte gezählt, die Ausgaben von einer Milliarde Dollar oder mehr umfassen.« Die Vision der Macher von Boosterville sieht so aus: Man nehme modernste Computer-, Telekommunikations- und Energietechnik, sorge für eine Law'Order-Administration und überlasse das Weitere »visionären Planern, Wissenschaftlern und Ingenieuren sowie privatwirtschaftlichen Managern«. Denen sollte es — gesteuert von »Vernunft, Logik und Moral« — gelingen, die Fehlentwicklungen der heute real existierenden Weltstädte zu vermeiden. So könnte das 21. Jahrhundert »die zivilisatorische Entsprechung des Garten Eden« werden. Oder wenigstens Disneys World.
 
Cyber City, die einzige Stadt von Internetien, ist naturgemäß auch deren Metropole, obwohl ihre »Netizen« genannten Bürger alles Zentralistische ablehnen. Glaubt man der Propaganda auf der Benutzeroberfläche des auch »Worldwidewebien« genannten Staats, so gibt es dort keine Dörfer, keine Bauern und keine Handwerker mehr. Alles Mechanische, Schwere, Körperliche ist überwunden.
 
Cyber City kann im Prinzip mit Lichtgeschwindigkeit wachsen, also schneller als jede andere Megastadt. Schließlich müssen deren Bewohner weder alte Wohnquartiere renovieren noch verrostete Industrieanlagen schleifen. Neue Netizens melden sich, typisch für die vorbildliche Selbstorganisation der virtuellen Republik von Internetien, unaufgefordert per Mausklick im System. Dann machen sie, was ihnen Spaß bringt, was wiederum irgendwie auch den anderen nützt. Materielle Dinge sind, bis auf den unvermeidlichen PC mit Internetanschluss, offiziell verpönt.
 
Manche Netizens sind von der blitzsauberen Benutzeroberfläche derart geblendet, dass sie ihre neue Heimat schon als ein »Ökopolis« sehen. Dabei verdrängen sie, woher die Hardware, der Strom für die PCs, das Papier für die Drucker, der unentwegt genossene Kaffee sowie die gelegentlich verzehrte Pizza herkommen — das alles muss irgendwie von der verachteten Außenwelt, vorzugsweise aus Boosterville und Technopur, nach Cyber City herangekarrt werden.
 
In Morbidopolis, einer strukturlos-hässlichen Zusammenballung von einem oder zwei Dutzend Millionen Menschen inmitten der schwülheißen Tropen, lassen Armut, Seuchen und Apathie die Bewohner verrotten. Niemand hier kann sich erinnern, warum die Stadt gegründet wurde, keiner weiß, wer sie regiert. Anders als im benachbarten Apokalypsia regt sich hier keine Hand gegen das schreiende Elend und Unrecht. Irgendwann ist die Ober- und Mittelschicht geflohen. Dafür strömten Migranten aus der tiefsten Provinz, meist Analphabeten aus sklavenähnlichen Verhältnissen, in die ausgepowerte Metropole. Sie schleppten gefährliche neue Seuchenerreger mit ein; die schon Ortsansässigen revanchierten sich mit dem Aidserreger HIV, mit antibiotikaresistenten Tuberkulosebakterien und anderen ansteckenden Krankheiten. Hilfe von außen ist für Morbidopolis nicht mehr zu erwarten.
 
 Hoffnungslos und ohne Identität
 
Unüberschaubar ist die Stadtlandschaft von Polycentria. Sie hat sich aus einem utopischen Flecken namens Wrightville — benannt nach dem US-Architekten Frank Lloyd Wright — rasend schnell entwickelt und dann unaufhaltsam Metropolen wie Los Angeles, Sao Paulo und die Rhein-Ruhr-Stadt geschluckt. Unentwegt lassen die Behörden neue Autobahnen bauen und bestehende verbreitern. Parallel dazu ziehen Bautrupps neue Glasfaserkabel, errichten neue Satellitenempfangsanlagen. Denn Polycentria will nicht nur die alte World City übertreffen, sondern sich auch der Konkurrenz von Cyber City und Smart City erwehren.
 
Dazu müssen die Bürger von Polycentria flexibel sein, sie müssen sowohl die Heimarbeit am Computer (»Telearbeit«) als auch zweimal in der Woche das Fernpendeln über 150 Kilometer Stadtautobahn akzeptieren. Denn ihre Arbeitgeber, darunter viele global operierende Elektronik- oder Telekommunikationskonzerne, haben aus Kostengründen fest installierte Büroarbeitsplätze abgeschafft und damit auf einen Schlag zwei Drittel der teuren Büroflächen eingespart. Wer seinen Job nach der großen, durch die Computerisierung beschleunigten Rationalisierungswelle der 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts behalten hat, nimmt das bisschen Fahrerei im klimatisierten, abgasminimierten »Super Ultra Low Emission Vehicle« (SULEV) gern auf sich, ebenso wie den mit mindestens drei anderen Kollegen geteilten Schreibtisch — den »share desk« — im Firmenhauptquartier. Denn aus den Internetnachrichten wissen die Pendler, dass zwischen ihrem Vorort und dem »share desk« Leute hausen, die inzwischen für Drittweltlöhne arbeiten und sich nur deshalb ein Dach über dem Kopf leisten können, weil sie sich gleichzeitig in zwei oder drei solcher Jobs abrackern. Diese wachsende soziale Kluft hat jedoch keine Folgen, da die Bewohner der unzähligen Zentren des Ballungsraums sich so gut wie nie begegnen. Sie fahren allenfalls auf der Autobahn anonym aneinander vorbei.
 
 Städte wandeln sich
 
Eine Neugründung, welche die Vorteile von Technopur, Boosterville und Cyber City bündeln und zugleich deren Nachteile vermeiden soll, ist Smart City. Das Projekt der »flexibel, agil und global« auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts reagierenden Metropole hat das International Development Research Council (IDRC) mit Hauptsitz in Atlanta, USA, in den späten 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts aus der Taufe gehoben. Die Bürger von Smart City wenden Strategien an, die laut IDRC »global, wissensbasiert, hyperkonkurrierend und zunehmend auf digitalisierte Kommunikations- und Computertechnik angewiesen sind«.
 
Untersuchungen des Councils hatten gezeigt, dass Unternehmen »ihre Arbeitsprozesse neu strukturieren und Arbeitnehmer auf nicht traditionelle Arbeitsplätze neu verteilen« — zum Beispiel in Satellitenbüros und an Teleheimarbeitsplätzen. Dies ist vor allem in Polycentria geschehen und hatte dort »enorme Folgen« für die »traditionellen Vorstellungen von der Attraktivität von Innenstädten, Vororten und ländlichen Gebieten«. Smart City soll sich von solchem herkömmlichen Flickwerk unterscheiden, weil die Stadt unter anderem
 
(1) nicht fragmentiert, sondern umfassend und um eine lokale »Kernkompetenz« herum organisiert ist,
 
(2) nicht auf staatliche Initiativen wartet, sondern die enge öffentliche und privatwirtschaftliche Zusammenarbeit fördert, und
 
(3) nicht statisch auf Kostenreduktion fixiert ist, sondern dynamisch auf »marktwirtschaftlich getriebene lokale-globale Trends« reagiert, unter anderem etwa durch kontinuierliche Verbesserungen (»kreative Dekonstruktion«).
 
Smart City entwickelte sich aus den einst fragmentierten, inzwischen aber gemeinsam agierenden Gemeinden der kalifornischen Computerregion »Silicon Valley« südlich von San Francisco. Die dortigen »Wissensarbeiter« konnten von Anfang an auf eine hervorragende Verkehrs- und Telekommunikationsinfrastruktur zurückgreifen, sie wählten politische Führungsteams mit einem grundlegend neuen Verständnis von Arbeitsmodellen und Wirtschaftsformen, und sie richteten ihr Management auf kontinuierlichen Wandel aus. Kein Wunder, dass Smart City wenig später San Francisco und dann auch Seattle eingemeindete.
 
Technopur taufte die Union der futuristischen Architekten und Ingenieure (UdfAI) ihre Metropole. Sie ist wie Manhattan aus Glas, Stahl und Beton auf blankem Granit errichtet. Allerdings begnügt sie sich nicht mit einem alle halbe Jahrhunderte errichteten Superwolkenkratzer à la Empire State Building. Wie Boosterville oder Smart City setzt Technopur auf leistungsfähige Verkehrswege, und es bestehen Bestrebungen, die Telekommunikationsinfrastruktur von Cyber City zu kopieren. Anders als bei den drei Konkurrenten, die vom chaotisch-kreativen Eigennutz angeberischer Kaufleute und Makler, Computerspezialisten oder Internetfreaks angetrieben werden, herrschen in Technopur weiterhin die Architekten und Ingenieure. Sie zwingen der rasch wachsenden Stadt ihren planerischen Willen auf.
 
Technopur gedeiht vor allem in zentralistischen Staaten wie China, aber auch in Frankreich. Die neuen Wolkenkratzerstädte im Reich der Mitte, etwa Shenzhen, direkt an der Grenze zu Hongkong, und Pudong, gegenüber von Schanghai am östlichen Ufer des Huangpu-Flusses, waren würdige Vorläufer von Technopur. Würde das Prinzip der Dutzende von Stockwerken hoch gestapelten Menschenwaben, die in weiten Teilen Hongkongs schon seit Jahrzehnten stehen, weltweit angewandt, könnte der gesamte erwartete Zuwachs der Menschheit bis zum Jahr 2050 in 350 kompakten Zehn-Millionen-Technopurs untergebracht werden. Vorausgesetzt, die Bewohner sind so diszipliniert und duldsam wie jene in Hongkong.
 
World City, die gute alte Weltstadt, hält sich prächtig im 21. Jahrhundert, jedenfalls besser, als es die Konkurrenten vor allem aus Polycentria, Smart City und Technopur erwartet haben. Denn es stellte sich heraus, dass die vermeintlichen Nachteile in Wirklichkeit Vorteile sind: eine funktionierende Infrastruktur, hervorragende Bildungs- und Forschungsstätten, Kultur satt. Vor allem die gewachsene weltstädtische Bevölkerung erweist sich als lernwillig und wandlungsfähig. Sie ist aus den Krisen, die World City immer wieder durchlitten hat, eindeutig gestärkt hervorgegangen.
 
Dieser »human factor« lockt auch in den Zeiten des Cyber-Wahns die besten und hellsten Köpfe nach London und Paris, New York und Tokio. Deshalb bleibt die Stellung dieser Städte als Finanz-, Medien- und Modezentren auch im 21. Jahrhundert unangefochten. Wo sonst können sich die kreativen Macher in so vielfältiger und angenehm-menschlicher Weise entspannen und vergnügen?
 
Während die Einwohner von Polycentria bei der endlosen Pendelei auf Stadtautobahnen ihre Zeit verplempern und nur per Mobiltelefon im Gespräch bleiben und die Netizens von Cyber City beim Chatten einsam auf die Keyboards einhämmern, sitzen die Weltstädter nach einigen Schritten über die Straße oder einer kurzen Fahrt mit dem Taxi längst in einer schicken Bar beim Drink oder in einem vorzüglichen Restaurant beim exzellenten Menü. Andere Megastädte mögen wachsen, Verkehr und Telekommunikation explosiv zunehmen. Der urbane Mensch jedoch, der bleibt der Alte.
 
Günter Haaf
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Stadt: Urbane Wohnformen der Zukunft
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Megastädte: Ausufernde Ballungsgebiete auf dem Vormarsch
 
 
Girardet, Herbert: Das Zeitalter der Städte. Neue Wege für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Aus dem Englischen. Holm 1996.
 
Leben in der Stadt. Lust oder Frust, bearbeitet von Stephan Burgdorff. Hamburg 1998.
 
Nachhaltige Stadtentwicklung. Konzepte und Projekte, Beiträge von Markus Birzer u. a. Bonn 1997.
 Sassen, Saskia: The global city. New York, London, Tokyo. Princeton, N. J., 1991.
 
Zeiten der Stadt. Reflexionen und Materialien zu einem gesellschaftlichen Gestaltungsfeld, herausgegeben von Ulrich Mückenberger. Bremen 1998.

Universal-Lexikon. 2012.

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